Die Feuerwehren bluten aus
Extra Tip vom 24.04.2011
In den Feuerwehren sind Helden im Einsatz. Sie retten Menschen aus Autowracks, löschen brennende Häuser, pumpen vollgelaufene Keller leer und retten auch mal eine Miezekatze aus dem Baum. Jetzt aber brauchen die Retter selber dringend Hilfe: Die Freiwilligen Feuerwehren bluten aus!
Erste alarmierende Auswirkungen des Mitgliederschwunds hat das in der Gemeinde Rosdorf. Kürzlich musste die Feuerwehr Volkerode aufgelöst werden, im März nächsten Jahres wird die Feuerwehr in Dahlenrode folgen.
(Göttingen / star) Stell‘ Dir vor, es brennt und keiner kommt? „Das muss in der Gemeinde Rosdorf keiner befürchten. In Volkerode gibt es weiter eine Löschgruppe, die zur Feuerwehr Mengershausen gehört und in Dahlenrode wird das ähnlich gelöst werden, da besteht ohnehin eine enge Zusammenarbeit mit den Kameraden in Atzenhausen“, erklärt Gemeindebrandmeister Martin Willing. Aber: „Ich bin auch Realist genug um in aller Deutlichkeit zu sagen: Wir stehen bald vor dem Problem, in Zukunft die flächendeckende Einsatzbereitschaft nicht mehr in gewohnter Weise aufrechterhalten zu können!“
Gerade erst hat Willing eine Einladung von Innenminister Uwe Schünemann erhalten. Neben dem Dank für ihren Einsatz bei den Osterfeuern lädt der Minister niedersächsische Brandmeister zu einem „intensiven Ideen- und Gedankenaustausch“ zum Thema ein. Und da gibt es viel zu besprechen... „Die rückläufigen Mitgliederzahlen hängen natürlich zum einen mit dem demografischen Wandel zusammen, aber es gibt auch viele andere Probleme“, so Willing. Es hapere zum Beispiel bei vielen jungen und auch älteren Menschen an der Bereitschaft, sich für das Gemeinwohl einzusetzen. „Es wird schon jemand kommen, wenn mein Haus brennt, aber ich muss da nicht mitmachen“, so beschreibt der Gemeindebrandmeister die Einstellung.
Das Problem gibt es auch Feuerwehr-intern: „Wir finden zu wenige Leute für Führungsaufgaben.“ Das alles liege auch an der mangelnden Anerkennung für die Arbeit der freiwilligen Feuerwehren, die viel zu selbstverständlich hingenommen werde: „Man muss rund um die Uhr los zu Einsätzen, die körperlich und seelisch schwer belasten. Bei vielen Veranstaltungen sind wir im Sicherheits-Einsatz wenn andere feiern – wie an diesem Wochenende bei den Osterfeuern oder auch demnächst bei der Tour d‘Energie. Dazu kommen viele Fortbildungsmaßnahmen und fit halten muss man sich auch. Das alles unentgeltlich!“ Martin Willing sieht hier die Kommunen in der Pflicht, mehr in ihre freiwilligen Retter zu investieren. Sein Vorschlag: Die Feuerwehrmänner und -frauen könnten in den Genuss von Vergünstigungen wie die kostenlose Nutzung des Rosdorfer Freibads oder Übernahme von Kosten für Kindergarten, Führerschein, etc. durch die Kommune kommen. Vorstellbar wäre für ihn auch, Kosten fürs Fitnessstudio wenigstens teilweise zu übernehmen oder Unternehmer für feuerwehrfreundliche Angebote seitens der Verwaltung zu belohnen. „Das alles wäre ein finanzieller Anreiz und vor allem ein deutliches Signal, dass man in der Gemeindeverwaltung die Arbeit der Feuerwehr zu schätzen weiß. Bisher ging es auch ohne – jetzt offensichtlich nicht mehr“, so Willing.
Das Argument, dann würden alle Ehrenamtlichen Vergünstigungen einfordern, lässt er nicht gelten: „Wer in der Feuerwehr aktiv ist, übernimmt eine große Pflicht und viel Verantwortung, rettet Leben und riskiert dabei auch noch seine eigene Gesundheit – das ist ein großer Unterschied!“ Ein Umdenken müsse auch bei den Arbeitgebern einsetzen. Von den Aktiven können viele bei einem Alarm nicht los. „Ich kriege zwar den Verdienstausfall bezahlt, davon ist aber die Arbeit nicht erledigt“, das bekommt Willing im Gespräch mit Arbeitgebern oft zu hören. Dafür hat der Gemeindebrandmeister Verständnis, aber: „Auch der Arbeitgeber kann in eine Notlage geraten, in der er auf die Hilfe der Feuerwehr angewiesen ist. Auch er ist froh, wenn Feuerwehrleute dann ihren Arbeitsplatz verlassen dürfen um zu helfen!“ So funktioniere eben eine Gemeinschaftsaufgabe: Jeder leistet einen kleinen Beitrag, damit allen am Ende geholfen ist.
Ein weiteres großes Thema ist natürlich die Anwerbung neuer Mitglieder. Hier müssen die Wehren nach Willings Meinung an mehreren Fronten kämpfen. Allen voran: Kinder für die spannende Arbeit in der Feuerwehr begeistern. Die vielerorts schon gegründeten Kinderfeuerwehren seien sehr wichtig, er kann sich aber auch Feuerwehr-AGs in Schulen vorstellen: „Die vielseitigen Aufgaben der Feuerwehr lassen sich mit vielen Schulfächern wunderbar kombinieren“, so Willing.
Viel Potenzial sieht der Gemeindebrandmeister auch bei den Menschen mit Migrationshintergrund. Hier müssten auf beiden Seiten Berührungsängste abgebaut werden: „Das deutsche System der Freiwilligkeit kennen viele nicht und haben Vorurteile, weil in ihren Heimatländern die Feuerwehren militärische oder paramilitärische Einheiten sind. Da braucht es gute Kommunikation, um diese Mitbürger für die Feuerwehr begeistern zu können. Eine wichtige Aufgabe, auch im Sinne der Integration“, meint Willing.
Und Thema Frauen? „In Sachen Frauenquote sind die freiwilligen Feuerwehren im Landkreis Göttingen ohnehin sehr gut aufgestellt“, weiß der Gemeindebrandmeister. Das ursprünglich niederländische Modell, eine Kinderbetreuung für Feuerwehrfrauen im Einsatz einzurichten, hält er auch für eine gute Idee. Eine, die sich ohnehin bei deutschen Wehren durchsetzt: Die kleine Ortsfeuerwehr Ehrsten im Landkreis Kassel hat zum Beispiel so eine Kinderbetreuung. Wenn hier die Männer nicht von der Arbeit weg dürfen oder in einer anderen Stadt arbeiten – dann meldet sich halt die Mama zum „retten, bergen, löschen, schützen“ während der Nachwuchs im Spritzenhaus schon mal Feuerwehrluft schnuppert.
Die freiwilligen Feuerwehren bekommen es also mit einem Flächenbrand zu tun, der an mehreren Enden gelöscht werden muss. „Um das zu bewältigen ist ein Umdenken auch in den Feuerwehren nötig“, so Martin Willing, „wir müssen die berühmten alten Zöpfe abschneiden. Das war aber immer so – das funktioniert nicht mehr. Wir brauchen eine Generationswechsel und dazu viele neue Ideen!“
Eines liegt ihm noch am Herzen: „Auch an dieser Stelle mal ein ganz dickes Dankeschön an alle Feuerwehrmänner und -frauen für ihren Einsatz!“
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